Grafikkarten Hardware Testberichte

Heißes Eisen im Test: AMD Radeon VII – mit viel Anlauf und Wind auf Augenhöhe zur Geforce RTX 2080

Monopol ist hohl. So eine einseitige Schieflast auf dem Grafikkartenmarkt hat noch nie wirkliche Vorteile gebracht und aktuell leiden vor allem die Enthusiasten unter den Spielern unter recht hohen Preisen für schnelle Hardware. Nvidia hat mit den neuen Turing-Karten sehr eindrucksvoll gezeigt, was zu holen ist, wenn man allein auf weiter Flur steht. Allein die GeForce RTX 2060 musste sich ja mit der RX Vega messen und genau da beginnt sich auch diese doch sehr einseitige Preisliste (zumindest) etwas aufzulösen.

Aber man ist, wenn man in Ultra-HD einigermaßen ansehnliche und hoppelfreie Bilder mag, auf die Produkte der grünen Hochpreisprodukte angewiesen. Oder besser: man war es. Zumindest dann, wenn man sich mit der GeForce RTX 2080 zufrieden gab, die bisher ebenfalls keinerlei Gegenspielerin hatte. Allenfalls eine RX Vega64 konnte noch mit der GeForce RTX 2070 mithalten, aber für Ultra-HD ist dies schon relativ uncool. Nvidia bot etwas mehr Leistung, zusammen mit DLSS und RTX On für deutlich mehr Geld.

Bot, denn nunmehr stellt zumindest die Radeon VII von AMD die GeForce RTX 2080 auf eine echte Probe. Ursprünglich schien es ja so, als würde AMD seine Vega-20-GPUs in 7nm nutzen wollen, um sich auf hochprofitable Dinge wie Machine Learning zu stürzen. Aber entweder ist der Markt übersättigt, nicht mehr interessiert oder die Produktion zu gut, als dass man sich nur auf einer einzigen Hochzeit amüsiert. Irgendwer muss bei AMD schon Blut und Lunte gerochen haben, um diesen Chip nun auch auf die Endkunden loszulassen.

Preislich ist dies natürlich ein Wagnis, denn wirklich billig zu produzieren ist die Radeon VII mit Sicherheit nicht. Aber AMD gelingen hier mehrere wichtige Dinge auf einen Schlag. Man setzt ein Lebens- und Achtungszeichen, erfreut die Anleger und Analysten und ärgert zudem ein wenig den Mitbewerber. All dies ist wichtig und unbezahlbar, so dass diese Karte eigentlich nicht einmal Gewinn abwerfen muss, um in irgendeiner Statistik später als positiver Posten verbucht zu werden. Machbarkeitsstudie oder Massenprodukt? Wir werden heute genau das herausfinden.

  

Leistungs- und preisbezogen konkurriert AMDs neue Radeon VII also mit Nvidias RTX 2080. Und was bietet man als Ausgleich, wenn RT- und Tensor-Cores fehlen? Man tritt im roten Basislager einfach die Flucht nach vorn an und bietet stattdessen, mit den (teuren) 16GB HBM2 als clevere Kompensation, Speicher satt und monumentale 1TB/s Bandbreite. Die RTX-Geschichte ist sicher der heiße Scheiß von Morgen, aber den Speicher braucht man bereits im Hier und Heute.

Hat eigentlich schon mal jemand Resident Evil 2 auf Ultra-HD oder höher gespielt und  sich über Speicherfehler und zwangskastrierte Settings geärgert? Genau der weiß, was ich damit meine. Denn genau da ist die hier im Spielesystem verbaute RTX 2080 Ti bei fast 13GB Belegung mehr als nur ins Schleudern geraten.

 

Unboxing, Optik und Haptik

Bevor wir auf der nächsten Seite so richtig tief ins Detail gehen, kümmern wir uns noch einmal kurz um die reinen Äußerlichkeiten der Radeon VII. Kühlerabdeckung und Backplate bestehen aus Aluminium, das habe ich an verdeckten Stellen auch mit einem Kratztest belegen können. Der verwendete Guss-Prozess ist hervorragend, so dass sich die Karte schön kühl und vor allem auch wertig anfasst. Optisch eher schlicht gehalten, verzichtet man auch auf jegliche RGB-Akzente. Etwas leuchtendes Rot gibt es natürlich, aber das war es dann auch schon.

Die gemessene Länge von 26,8 cm (Brutto mit Slotblende), die Höhe von 11,5 cm (Oberkante PCIe-Slot bis Oberkante Kühler) und eine Dicke von 3,5cm entsprechen dabei auch fast den Abmessungen von Nvidias Founders Edition der GeForce RTX 2080. Mit 1282 Gramm ist sie auch gewichtsmäßig ungefähr gleich schwer und tritt somit zusammen mit der grünen Konkurrentin im Halbschwergewicht an. Und wer den Ring dann letztendlich als Sieger verlässt, das klären wir später.

Ich hatte ja am 04.02.2019 bereits ein längeres Unboxing-Video zur Radeon VII in meinem YouTube-Kanal (den Ihr auch gern kostenlos abonnieren könnt) online gestellt, das Ihr Euch ansehen solltet, falls Ihr es noch nicht getan habt. Ein wenig Standup zu einem eigentlich ernsten Thema ist als Aufwärmrunde nämlich sicher gar keine so schlechte Idee, denn die theoretische Keule kommt gleich noch:

Doch die Karte ist optisch schon ein Hingucker und so lasse ich sie noch einmal einen 360°-Kreis um sich selbst drehen. Der monströse Grafikkartenhalter aus Acryl samt LED und eingelassenem Chip ist natürlich in der Retail-Verpackung dann nicht mehr dabei, aber das wird man als Kunde doch verschmerzen können:

 

Technische Daten im Vergleich

Vergleichen wir schnell noch die aktuellen Kontrahentinnen in Bezug auf ihre technischen Eckdaten:

  Radeon VII GeForce RTX 2080 FE Radeon RX Vega 64 GeForce GTX 1080 FE
Architektur (GPU) Vega 20 Turing (TU104) Vega 10 Pascal (GP104)
Shader 3840 2944 4096 2560
Peak FP32 Compute 14.1 TFLOPS 10.6 TFLOPS 12.7 TFLOPS 8.9 TFLOPS
Tensor/RT-Kerne N/A 368/46 N/A N/A
Textureinheiten 240 184 256 160
Basistakt 1400 MHz 1515 MHz 1247 MHz 1607 MHz
Boost-Takt 1750 MHz 1800 MHz 1546 MHz 1733 MHz
Speichergröße 16GB HBM2 8GB GDDR6 8GB HBM2 8GB GDDR5X
Speicher-Bus 4096-bit 256-bit 2048-bit 256-bit
Speicher-Bandbreite 1 TB/s 448 GB/s 484 GB/s 320 GB/s
ROPs 64 64 64 64
L2-Cache 4MB 4MB 4MB 2MB
TDP 300W 225W 295W 180W
Transistoren
13.2 Mrd. 13.6 Mrd. 12.5 Mrd. 7.2 Mrd.
Die-Größe 331 mm² 545 mm² 486 mm² 314 mm²

 

Testsystem und Messmethoden

Das neue Testsystem und die -methodik haben wir im Grundlagenartikel “So testen wir Grafikkarten, Stand Februar 2017” (Englisch: “How We Test Graphics Cards“) bereits sehr ausführlich beschrieben und verweisen deshalb der Einfachheit halber jetzt nur noch auf diese detaillierte Schilderung. Wer also alles noch einmal ganz genau nachlesen möchte, ist dazu gern eingeladen. Allerdings haben wir CPU und Kühlung erneut verbessert, um für diese schnelle Karte mögliche CPU-Flaschenhälse weitgehend auszuschließen.

Interessierten bietet die Zusammenfassung in Tabellenform schnell noch einen kurzen Überblick:

Testsysteme und Messräume
Hardware:
Intel Core i7-8700K @5 GHz
MSI Z370 Gaming Pro Carbon AC
16GB KFA2 DDR4 4000 Hall Of Fame
1x 1 TByte Toshiba OCZ RD400 (M.2, System SSD)
2x 960 GByte Toshiba OCZ TR150 (Storage, Images)
Be Quiet Dark Power Pro 11, 850-Watt-Netzteil
Kühlung:
Alphacool Eisblock XPX
5x Be Quiet! Silent Wings 3 PWM (Closed Case Simulation)
Thermal Grizzly Kryonaut (für Kühlerwechsel)
Gehäuse:
Lian Li PC-T70 mit Erweiterungskit und Modifikationen
Modi: Open Benchtable, Closed Case
Monitor: Eizo EV3237-BK
Leistungsaufnahme:
berührungslose Gleichstrommessung am PCIe-Slot (Riser-Card)
berührungslose Gleichstrommessung an der externen PCIe-Stromversorgung
direkte Spannungsmessung an den jeweiligen Zuführungen und am Netzteil
2x Rohde & Schwarz HMO 3054, 500 MHz Mehrkanal-Oszillograph mit Speicherfunktion
4x Rohde & Schwarz HZO50, Stromzangenadapter (1 mA bis 30 A, 100 KHz, DC)
4x Rohde & Schwarz HZ355, Tastteiler (10:1, 500 MHz)
1x Rohde & Schwarz HMC 8012, Digitalmultimeter mit Speicherfunktion
Thermografie:
Optris PI640, Infrarotkamera
PI Connect Auswertungssoftware mit Profilen
Akustik:
NTI Audio M2211 (mit Kalibrierungsdatei)
Steinberg UR12 (mit Phantomspeisung für die Mikrofone)
Creative X7, Smaart v.7
eigener reflexionsarmer Messraum, 3,5 x 1,8 x 2,2 m (LxTxH)
Axialmessungen, lotrecht zur Mitte der Schallquelle(n), Messabstand 50 cm
Geräuschentwicklung in dBA (Slow) als RTA-Messung
Frequenzspektrum als Grafik
Betriebssystem Windows 10 Pro (1803, alle Updates)

 

 

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About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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