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Seasonic Prime Fanless TX-700W – Innovatives Netzteil, sehr solide Komponenten und ein verstecktes Designproblem

Das Seasonic Prime Fanless TX-700 ist ein neues, allerdings auch recht teures Passiv-Netzteil, das nur so von Superlativen strotzt. Und doch gibt es ein scheinbar grundlegendes Designproblem, das der Laie so nicht entdecken kann und das doch zu Folgeschäden an der angeschlossenen Hardware führen kann. Ich möchte dem ausführlichen Test meines Freundes Aris Mpitziopoulos (Hardware Busters), der demnächst auch bei den geschätzten Kollegen von Techpowerup in voller Länge erscheinen wird, natürlich nicht vorgreifen, aber da das YouTube-Video von Aris bereits online ist, bin ich mit ihm so verblieben, wenigstens die wichtigsten Fakten noch einmal vorab für die deutschen Leser mit seiner freundlichen Genehmigung zusammenzufassen.

Wichtiges Vorwort

Der Fall liegt allerdings etwas anders als noch bei Gigabytes P750GM, auf dessen belegbare Anfälligkeiten ich in einem Artikel “Feuerwerk im PC und Kaufwarnung: Gigabytes aktuelle P750GM Netzteile von Totalschäden betroffen” hingewiesen hatte und für den mich Gigabyte DE mit Liebesentzug bestraft hat, anstatt sich der Problematik aktiv anzunehmen. Ging es beim P750GM vor allem darum, dass sich die Netzteile mit etwas Pech selbst zerstören und durchaus eine reale Brandgefahr bestand, steckt die Problematik beim Prime Fanless TX700 etwas tiefer und betrifft die Stabilität und die Lebensdauer der angeschlossenen Komponenten.

Nur ist es damals wie auch heute eindeutig so, dass mir das Wohl der Leser und potentiellen Käufer der Hardware näher liegen, als die Befindlichkeiten von PR-Mitarbeitern. Man muss solche Dinge natürlich stets auch belegen können und so habe ich mich zunächst mit Aris im Detail besprochen, wie wir den heuten Artikel handhaben können. Wichtig wie immer ist es ja, auch bei so etwas stets objektiv zu bleiben und die reine Sensationsmache zu vermeiden. Die Wahrheit ist nicht immer zärtlich und anschiegsam, aber am Ende zählen nun mal leider nur die reinen Fakten. Ich bin mir sicher, dass Seasonic hier (wie in der Vergangenheit auch), aktiv nachbessern wird, anstatt Probleme auszusitzen. Auch das unterscheidet natürlich einen echten Hersteller wie Seasonic von Firmen, die lediglich zugekaufte Dinge umlabeln und sich damit auch dem preisgünstigeren OEM/ODM hilflos ausliefern.

Das TX-700 im Test

Seasonic bietet zwei vollständig passive Netzteile mit Titanium-Effizienz an, das TX-600 und das TX-700. Nicht viele Hersteller wagen es, vollpassive Netzteile auf den Markt zu bringen, weil das Design und die Herstellung schwierig sind. Darüber hinaus ist das TX-700 das stärkste heute auf dem Markt erhältliche passive Netzteil. Der effizienteste Weg, ein passives Netzteil zu bauen, besteht darin, bei jeder Komponente einen Overkill zu realisieren, viele Watt als Reserve (Headroom) zu belassen und die Effizienz so weit wie möglich zu erhöhen, um die thermische Belastung niedrig zu halten. Genau das hat Seasonic auch getan, gut so.

Außerdem muss die Wärme leicht aus dem Gehäuse des Netzteils abfließen können, so dass dieses entweder große Kühlkörper verwenden muss, um die Wärme abzuführen, oder wie ein Schweizer Käse mit vielen Löchern versehen sein muss (siehe Bild oben). Außerdem ist es unerlässlich, dass man ein passives Netzteil nicht so installieren darf, dass der Luftstrom der heißen Luft blockiert wird. Das Prime TX-700 sollte also nie seitlich oder mit der Unterseite nach oben eingebaut werden, da sich sonst die heiße Luft im Inneren des Gehäuses staut. Bis hierher ist alles unverdächtig und in Ordnung. Aber das ist ja alles eigentlich auch nichts Neues und hat mit dem heutigen Thema nicht direkt was zu tun.

Abgesehen von der Gesamtleistung des eigentlichen potenten  TX 700 sowie der laxen Lastregelung auf den Nebenschienen und dem mittelmäßigen Einschwingverhalten liegt Aris’ größte Sorge beim Seasonic Prime TX-700 im Spannungsabfall begründet, den er bei diversen Einschalt-Tests auf allen Schienen festgestellt hat. Solch hohe Spannungsabfälle sind keine Kleinigkeit und sie können in der Folge zu ernsthaften Problemen führen, vor allem in der Aufwachphase eines Systems bzw. beim Booten aus dem abgeschalteten Zustand, wo die Komponenten eine recht hohe Leistung benötigen, um den Betrieb wieder aufzunehmen. Doch was bedeutet das im Detail?

Konkret in den Turn-On Transienten-Tests und beim PSU OFF to Full +12 V Test, bei dem eine volle Last an +12V angelegt wird, sobald das Netzteil eingeschaltet wird, gibt es beim TX-700 einen bemerkenswerten Spannungsabfall an +12V, der auch die Nebenschienen beeinflusst, da diese direkt aus der +12V Schiene erzeugt werden. Diese Spannungsabfälle können zu erheblichen Kompatibilitätsproblemen führen und sie belasten die DC-DC-Wandler des Mainboards und anderer Komponenten, wie Grafikkarten, Speicher usw. leider massiv. Aris hat insgesamt drei Exemplare getestet, und alle hatten während dieses Tests das gleiche Problem. Also scheint es sich nicht um ein exemplarspezifisches Problem zu handeln, sondern wirklich um einen generellen Design-Fehler.

Quelle: Hardware Busters

Ein weiteres Problem, das Aris aufgefallen ist, ist die sehr hohe Einschaltzeit, die 100 ms überschreitet. Um Kompatibilitätsprobleme mit Mainboards zu vermeiden, halten die meisten Hersteller die Einschaltzeit des Netzteils deutlich unter 100 ms und idealerweise sogar unter 50 ms. Schließlich ist die fehlende Unterstützung für alternative Ruhemodi ein weiterer Nachteil des TX-700. Denn wenn man ein so teures Netzteil kauft, hat man natürlich auch die Absicht, es über mehrere Jahre hinweg zu behalten. Also muss es auch so zukunftssicher wie möglich sein.

Ich schließe mich dem Fazit von Aris an and empfehle in diesem Zusammenhang auch sein komplettes Video, das auch weitere Details seines sehr tiefgehenden Tests und eine gute Zusammenfassung enthält. Es obliegt mir natürlich nicht, bereits veröffentlichte Netzteilreviews Dritter zu kritisieren, aber das, was Aris gefunden hat, hätte eigentlich jedem auffallen müssen, der das Netzteil nicht nur angefasst, sondern auch wirklich getestet hat. Egal ob nun YouTuber oder konventielle Medien, so etwas merkt man eigentlich. Auch hier erinnere ich gern noch einmal an das noch ausstehende Review auf Techpowerup.

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grimm

Urgestein

1,521 Kommentare 682 Likes

Passiv-Komponenten finde ich per se sehr interessant. Viel interessanter als die ganzen "mehr-Leistung-dank-noch-mehr-Watt"-Teile. Ich stelle aber immer auch die Sinnfrage, denn die Ruhe im NT wird regelmäßig mit einem kräftigen Luftzug im Gehäuse (v)erkauft - und führt das Konzept ad absurdum. Umso ärgerlicher, dass dann auch noch Standards nicht eingehalten werden.
Danke für den Hinweis auf den Test.

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RAZORLIGHT

Veteran

226 Kommentare 111 Likes

Ich schau mir eigentlich fast nur noch PSU Reviews von Aris an, er macht einfach unglaublich gute Arbeit.
Ein rein passives Netzteil würde ich persönlich jedoch nie verbauen.
Eins mit guten Lüfter und vor allem guter Lüfterkurve reicht völlig.

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P
Pokerclock

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15 Kommentare 10 Likes

Kam ja genau richtig der Test. Eigentlich war das Netzteil für einen speziellen PC für ASMR-Streaming eingeplant. Dann wohl doch eine Klasse drunter zugreifen bei dem 500er-Modell in der Hoffnung, dass dort ein anderes Design verwendet wird und es zu solchen Dingen nicht kommen kann. Sind natürlich 12 Jahre Garantie, aber die deckt häufig Schäden an anderer Hardware nicht ab und den Ärger und natürlich eine Nachweispflicht hat man trotzdem.

Ansonsten bin ich eher weniger Fan von den Fanless (haha) Netzteilen bzw. generell solchen Komponenten. Alleine wegen Lebensdauer und dem Wunsch ein gut gekühltes System zu haben.

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k
kermit_nc

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45 Kommentare 16 Likes

... für ein Urteil fehlt mir definitiv der Verlauf des Stromes auf der +12V Schiene und mit welchem Maximalstrom der Test durchgeführt wurde (Im Datenblatt sind es 70A = 840W). Auch fehlt mir der Prüffall, warum ein PC-Netzteil im Einschaltmoment die volle Last liefern können soll (Test Over-Engineering?, meine Referenz: 14 Jahre Luftfahrt und Radar Systemtest Design).

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L
Lowmotion

Mitglied

73 Kommentare 16 Likes

Letztes Jahr das Problem mit neuen Grafikkarten + Schutzschaltungen und nun das Problem hier mit dem Fanless. Ist Seasonic auf dem absteigenden Ast?

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Megaone

Veteran

242 Kommentare 161 Likes

Erstmal danke für den Test und die Infos. Zu Gigabyte braucht man nicht mehr viel zu sagen. Nach meinen Erfahrungen mit der 3090 Aorus Master kommt nie wieder eine Bauteil von Gigabyte in meinen Rechner oder den meiner Freunde.

Was Netzteile angeht, so stellt sich eh die Frage ob man nicht mit den leistungsfähigsten Markennetzteilen auf Dauer am besten fährt. Wir haben ein Schreibbüro und irgendwann war ich es leid. Gerade an den DTP Rechnern mit max 500 Watt Leistungsaufnahme machten irgendwann die 750W Netzteile schlapp. Ich kaufe seit Jahren nur noch 1000 Watt aufwärts mit 10 Jahren Garantie. Seitdem gab es nicht einen Ausfall.

Wenn ich mir den Stromverbrauch der kommenden Grakageneration so anschaue, kann das kein Fehler sein. Einmal richtig Geld in die Hand nehmen und gut ist.

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LeovonBastler

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31 Kommentare 7 Likes

Kann mich dem nur anschliessen. Ich habe zwar eine 1080 Ti Founders Edition von Gigabyte, aber das ist nochmal was Anderes als die Custom-Designs.
Gerade die Handhabung mit den RMA-Fällen zeigt, dass ein gutes Preis/Leistungsverhältnis nicht alles ist. Der Kundenservice wird schnell vergessen.

Gerade bei Netzteilen bin ich auch auf der Seite: Mein Originalsystem mit einem FX-8350 und einer R9 380 (c.a 300W gesamtaufnahme) wurde dann mal aufgerüstet zu einem Ryzen 9 3900X & 1080 Ti (c.a 450-500W Gesamtaufnahme, da ich noch etwas Übertaktet habe). Da war ich froh, dass ich kein 400W, sondern ein 650W-Netzteil gekauft habe.
Für die Effizienz ist es aber auch wirklich am Besten ein Netzteil zu nehmen, welches doppelt so viel geben kann, wie genommen wird. Das hat Gamers Nexus mir ziemlich gut zeigen können, im Fall von Gigabyte.

Diese Netzteile sind aber in meinen Auge ein Symptom für ein tiefergreifendes Problem: Wir haben kein Weltweites Zertifizierungssystem für Netzteile, dass diese wirklich keine PC-Komponenten, Häuser oder Endbenutzer in's Grab schicken.
Wir haben lediglich ein Zertifizierungssystem, dass dieser nicht gleich das Stromnetz austrocknet wenn man es wagt, den Stromkreis zu schliessen.
(Überspitzte Formulierungen können vorhanden sein ;) )

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s
smagjus

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23 Kommentare 2 Likes

War das Problem nicht viel mehr, dass die Schutzschaltungen genau so funktioniert haben, wie sie sollten?

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LeovonBastler

Mitglied

31 Kommentare 7 Likes

Einige Netzteile waren etwas zu schnell mit den Lastspitzen der 3080 und aufwärts, das war das Problem.
bzw. die Lastspitzen jener Karten waren einfach zu gross für die Netzteile.

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M
Martin Gut

Urgestein

4,511 Kommentare 1,665 Likes

Wenn man ein Netzteil auf das doppelte auslegt, läuft es immer mit tieferer Teillast und somit in einem weniger effizienten Bereich. Andres gesagt braucht ein stärkeres Netzteil der selben Qualität für die selbe Last die daran hängt mehr Strom, einfach weil alle Komponenten grösser gebaut sind. Darum sollte man ein Netzteil nicht stark überdimensionieren. Leider wird man durch die extremen und immer höheren Spitzenströme von GPU und CPU aber dazu gezwungen das Netzteil nach normalen Auslegungsmassstäben sinnlos hoch zu dimensionieren. Ein solches Netzteil ist auch in der Produktion aufwändiger und teurer. Dazu ist die Absicherung dann höher als man das für ein solches Gerät gerne hat. Aus elektrotechnischer Sicht sehe ich keinen Vorteil der momentanen Entwicklung.

Bei den meisten Netzteiltests wird nur bis hinunter auf 20 % Teillast getestet. Bei den effizienteren wird bis auf 10 % hinunter getestet. Wenn man aber einen Gaming-PC mit 750 - 1000 Watt ausstattet, läuft er bei normalen Officearbeiten sogar unter diesen 10 % in einem Bereich über den auch die guten Tests keine Angaben machen.

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About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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