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Hotspot-Problem der AMD Radeon RX 7900 XTX (MBA): Sogar mehrere Batches der Vapor-Chamber betroffen, der Austausch Tausender Karten beginnt

Ich habe bewusst gewartet, bis ich durch verschiedene Informationskanäle deckungsgleiche und plausible Informationen bekommen konnte, die nunmehr nach zwei bis drei Wochen auch etwas Licht ins Dunkel bringen können. Sträubte sich anfangs noch der AMD-Support, das Problem der Hotspots überhaupt als solches anzuerkennen und bezeichnete die 110 °C Hotspot-Temperatur als völlig normal, bietet sich aus Kundensicht nun eine deutlich erfreulichere Situation.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch vorab bei all denen bedanken, die mich in den letzten zwei, drei Wochen mit Informationen versorgt haben, aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht namentlich genannt werden möchten oder können. Ich weise jedoch explizit darauf hin, dass all diese Informationen bis zu einem offiziellen Statement von AMD als vorläufig zu betrachten sind und es durchaus auch bei den genannten Zahlen noch Korrekturen geben könnte.

In diesem Zusammenhang hatte ich eigentlich auf den gestrigen Tag gewartet, weil intern ein Statement von AMD kommuniziert wurde (ich schrieb ja mehrmals darüber, dass ich dieses vorerst abwarten möchte), das aber dann doch nicht erfolgte. Ich nehme diese unverständliche Verzögerung deshalb heute zum Anlass, etwas Transparenz in die Sache zu bringen.

The problem is already known for more than two weeks and is communicated between AMD and the distributors (internally) …  How exactly the problem will be communicated to the end customer has not yet been finally decided. … AMD’s statement was originally supposed to be made on January 3, 2023 at 6 p.m. CET, but it was postponed. (quote from email)

 

Fassen wir zunächst einmal zusammen, was an Informationen mittlerweile bekannt ist. Ich zitiere dazu im Folgenden auch meinem Mail-Verkehr, um die eine oder andere Zahl zu nennen und etwas mit dem Wirrwar an Spekulationen aufzuräumen.

Probleme mit der Vapor-Chamber der RX 7900 XTX und die Menge betroffener Karten

Ich schrieb ja bereits im Forum, dass ich auch Quellen bei den Fertigern von Kühlkomponenten befragen konnte, die mir die ersten Vermutungen, der Fehler läge an der Vapor-Chamber, vollends und unabhängig voneinander bestätigen konnten. Hier muss man jedoch mittlerweile zwischen den generellen Verarbeitungsproblemen, so wie ich sie bereits bei einer Radeon RX 7900 XT beschrieben hatte (Artikel ist am Schluss verlinkt) und einem wirklichen Produktionsfehler trennen, der aber nur die Radeon RX 7900 XTX betrifft. Es existieren beide Probleme (siehe meine Vermessung), aber nur die funktionell eingeschränkte Vapor-Chamber der RX 7900 XTX ist ein so essentielles Problem, das es eine RMA erfordert. Denn es ist nicht nur die Hotspot-Temperatur, sondern auch der Speicher, der bis zu 110 °C heiß werden kann und damit weit oberhalb der zulässigen Temperaturgrenze arbeitet.

Wenn es jedoch wirklich die mir genannten vier bis sechs Batches der Vapor-Chambers betrifft, dann liegt die Menge der betroffenen Karten im ungünstigsten Fall sogar im hohen fünfstelligen Bereich. Es betrifft jedoch kein einziges Boardpartner-Design, sondern ausschließlich die sogenannten MBA-Karten (Made by AMD). Diese Karten werden sowohl von AMD direkt als auch über die Boardpartner vertrieben, die diese einkaufen und unter eigenem Label verkaufen können. Umgangssprachlich wird so etwas gern auch als Referenz-Karte bezeichnet, auch wenn sich AMD (so wie NVIDIA mit der Founders Edition) ein wenig vom Image der Butter-und-Brot-Karte abheben möchte.

As assumed, the cause is the evaporator chamber…  Several batches are affected. Currently, 4-6 batches and thousands of graphics cards are assumed. Only MBA cards are affected. (quote from email)

 

Man kann natürlich fragen, warum dies alles nicht schon viel früher erkannt wurde und warum die Qualitätskontrolle offensichtlich so grandios versagt hat. Das hat auch etwas mit der Aufsplittung der Produktion und den Lieferketten zu tun. Sowohl die Chamber als auch der komplette Kühler kommen weit im Voraus von einem Dritthersteller und lassen sich ohne montierte Platine natürlich nur sehr schwer testen. Anhand von QR-Codes lassen sich jedoch alle Komponenten zeitlich zuordnen und auch nachträglich lokalisieren.

Wenn die PVT-Samples (Production Validation Test) funktionierten, dann nimmt man später maximal noch Stichproben aus der laufenden MP (Mass Production). Im günstigsten Fall werden solche Karten z.B. bei PC-Partner ins speziellen Hot-Boxen getestet, stehen dort aber im vertikalen Aufbau. Und dann kommt es genau zum eingetretenen Fall, denn die betroffenen Vapor Chambers sind ja nicht komplett funktionslos, sondern nur mehr oder weniger eingeschränkt funktionsfähig. Das ist mit granulären Tests jedoch kaum zu überwachen.

 

Rückmeldung von Distributoren und Systemintegratoren

Seit AMD sich zu Rücknahme und Umtausch entschlossen hat, wurden verschiedenen Quellen zu Folge bereits mehrere Hundert MBA-Grafikkarten zurückgeführt. Das betrifft leider auch Systemintegratoren, die komplette Systeme wieder zerlegen mussten, um die Karten zu tauschen. Man sieht als Endkunde ja immer nur die eigene, einzelne Karte, aber der Kreis derer, die von solchen Problemen deutlich härter betroffen sind, ist weitaus größer. Dann kommen zu den Kosten des reinen Umtausches noch einmal weitere Reparatur- und Logistikkosten auf die Verantwortlichen zu. Vom Schadenersatz bis hin zum Image-Verlust mal ganz zu schweigen. Da wirken die Spitzen gegen NVIDIAs 12VHPWR-Adapter in der  Radeon-Präsentation plötzlich wie schlechte Satire.

We had to return 300+ graphics cards of Asus MBA, Sapphire MBA, PowerColor MBA, XFX MBA to the retailers/warehouse/wholesale…
Complete systems also had to be disassembled for this procedure. (quote from email)

 

Umtausch oder Rückgabe? AMD bietet beides an

Es gibt es mittlerweile auch die Anweisung an die betreffenden Mitarbeiter, das Problem aktiv und kulant anzugehen, wenn der Kunde einen entsprechenden Fehler plausibel erklären bzw. nachweisen kann. Die ersten Karten sind bereits im Austausch und AMD bietet sowohl eine Rückerstattung des Kaufpreises als auch einen Umtausch in eine funktionierende Grafikkarte an. Die Rücksendung bei einer Rückerstattung geht allerdings zu Lasten des Kunden, was zwar unschön, aber nicht unüblich ist.

End customers have to contact the vendor or AMD support directly. Distributors and stores have to send the affected graphics cards to wholesalers and warehouses. (quote from email)

 

Die betreffende Mail an die Betroffenen sieht dann so aus (Namen der Beteiligten unkenntlich gemacht):

Auch hier geht mein Dank an die vielen aktiven Leser und stillen Konsumenten, die sich vertrauensvoll an mich gewandt haben. Einiges ließ sich bereits im Vorfeld auf dem kleinen Dienstweg kulant lösen, bei anderen musste man wirklich auf AMD’s inoffizielles Go! für den Support warten. Bisher ist mir jedoch kein Fall bekannt, der nicht zur Zufriedenheit gelöst werden konnte. So gesehen ist es für den Kunden eine gute Nachricht. Was jedoch die Kosten und den Umfang der ganzen Aktion betrifft – ich möchte es besser gar nicht wissen.

Ja, Fehler können passieren. Das liegt in der Natur der Sache und den hochkomplexen Abläufen. Aber es ist auch die Pflicht des Herstellers, offen und transparent zu kommunizieren. Angekündigte Statements, sofern das alles wirklich stimmt, einfach auszusitzen, ist keine gute Lösung. Wenn man sich die üblichen Gehälter des gutbezahlten Marketings vor Augen führt, dann sollte dies eigentlich auf fähige und kompetente Personen schließen lassen, die auch mit solchen Situationen pro-aktiv umgehen können. Der Vogel Strauß ist da das komplett falsche Vorbild aus dem Tierreich, sonst steht man schnell als Esel da (die lieben Unpaarhufer mögen mir diesen Vergleich bitte verzeihen).

Das andere, nicht ganz so gravierende Problem ist die finale Bearbeitung des Heatsinks bei einigen Karten. Da waren bei meiner Radeon RX 7900 XT diverse Bearbeitungs-Fehler aufgetreten (schiefer Anschliff, Beule), die man nicht mehr mit akzeptablen Spaltmaßen abtun kann, wenn man die Chamber samt aufmontierten Lamellen-Konstrukt fest mit dem Korpus verbindet und nicht schwimmend (wie z.B. bei NVIDIA und älteren Radeons) montiert, um Unebenheiten durch ein ausgeklügeltes Festziehen von allein ausgleichen zu können. Hier sollten die Ingenieure sich besser an funktionierenden Vorbildern (auch aus eigener Fertigung) orientieren. Form follows Function und nicht umgekehrt.

RDNA3 und vereinzelt viel zu hohe Hotspot-Temperaturen auf den AMD Radeon RX 7900 XT(X) – Ursachenforschung

 

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DrDre

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Oha. Was für ein Aufwand...
Gut das AMD so kulant ist und auch hoffentlich bleibt (y)

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D
Designo1980

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Gibt's eine Übersicht, welche Batches betroffen sind? Also Seriennummern o.ä.?

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Ifalna

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Autsch, sowas wünscht man keinem Hersteller.

Gut dass die batches bekannt sind, jetzt muss der Handel flink reagieren, damit nicht noch mehr verkauft werden.

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LurkingInShadows

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Kulant? Bei einem eindeutig nicht vom Konsumenten verursachten kapitalen Mangel?

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Igor Wallossek

1

10,368 Kommentare 19,251 Likes

Ja, kulant ist das nicht, sondern rechtlich so einforderbar. AMD macht also nur das, wozu sie per Gesetz verpflichtet sind. In Zeiten, wo ein vermeintliches Plastikteilchen in einer Erbsendose zu palettenweisem Vernichten weltweit zurückgerufener Konserven führt, ist das Ganze hier nur folgerichtig und nötig. Kulant wäre gewesen, bei der Erstattung noch ein Versandlabel zu schicken. Auf die drei Euro käme es dann sicher auch nicht mehr an, hätte aber eine gute Außenwirklung. Solche Aktionen zeigen aber auch, wie schlecht das Marketing auf solche Fälle vorbereitet ist.

Es handelt sich um einen schweren Sachmangel, der auch noch kausale Folgen verursachen kann (z.B. Speicher). Da hört der Spaß wirklich auf.

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Müsste AMD unter dem Gesichtspunkt nicht auch die Versandkosten übernehmen?

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knollo

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Eijeijei, da hat amd wirklich einen Bock geschossen. Sehr schade nach der erfolgreichen Navi2 Reihe. Der echte Wert einer Firmenmarke zeigt sich, aus meiner Sicht, ohnehin erst im Problemfall. Immerhin scheinen jetzt die Weichen in der richtigen Richtung zu stehen. Na mal schauen wie es weitergeht.

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LurkingInShadows

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1,375 Kommentare 573 Likes

Ich lese das Schreiben so, dass sie das bei UMTAUSCH auch machen, nur bei Geld-zurück nicht.

Also quasi: Bei Kunden die sagen, gut war ein Hoppala, wir können uns einigen wird der Versand übernommen, bei denen die im Streit gehen, gibts zum Abschied noch ein "Baba, und foi net" (== Tschüß, und fall nicht hin (beim rausgehen))

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*
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496 Kommentare 312 Likes

Das ist leider eine riesen Scheiße für AMD woran vermutlich aber keiner bei AMD so richtig Schuld ist. Die entstehenden Kosten sind extrem.

Das tut richtig weh. Mich würde interessieren, ob man da Schadenersatzforderungen an den Produzenten der Kühler stellen kann. Und ob die dann überhaupt in der Lage sind, diesen Schadensersatz zu stemmen.

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Blubbie

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808 Kommentare 275 Likes

Aber für alle die die Karten eh "unter Wasser" setzen ist das schnurz oder? Nur für den späteren Wiederverkauf wird es dann doof....

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FritzHunter01

Moderator

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Der Reputationschaden ist mit Abstand immer das Schlimmste! Vor allem dann, wenn man seinem Mitbewerber vorher noch einen Seitenhieb verpasst - bevor man selbst vom Schicksal getroffen wird.

Schadensersatz? Wer trägt den?

in der Regel der Verursacher, somit der Lieferanten der Vapor-Chamber. Wie das letztendlich genau geregelt ist kann ich nicht sagen. Aber der Lieferanten der VC möchte ich nicht sein!

Interessant ist auch, dass die AMD-Mitstreiter (Fans und immer gegen das Grüne-Lager…) ganz schön verstummen… auffällig!

Danke Igor für die investigative Arbeit.

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LurkingInShadows

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Musst du auf Gamer s mittelschweren Sinnkrise auch noch rumreiten? :p

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FfFCMAD

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686 Kommentare 184 Likes

Dann hat es jetzt ja mal beide GPU Hersteller erwischt kurz nach dem jeweiligen Launch...

Die Versandlabel muesste AMD/ der Haendler normalerweise auch stellen, zumindest im Rahmen der Gewaehrleistung

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mblaster4711

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🤷‍♂️ Karma is a bitch. 🤷‍♂️
Wer sich über anderen lustig macht (NVIDIAs 12VHPWR-Adapter) bekommt es mehrfach zurück.

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Oryzen

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NVIDIAs 12VHPWR-Adapter ist für mich bei weitem nicht ausgestanden. Und verharmlost möchte ich das auch nicht sehen, auch wenn sich das im Vergleich zu dem was bei AMD gerade passiert ist scheinbar besser "anhört". Das ist ein heftiger Design-To Cost-Fehler, der Generationen von Karten begleiten wird. Für mich geben die beiden Firmen sich nichts. "Quality is a myth" um es mal mit den woken Trendsettern zu sagen.
Tut mir leid für jeden, der jetzt betroffen ist.

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Zer0Strat

Veteran

162 Kommentare 138 Likes

Eigentlich verstummen die nicht wirklich. Im ComputerBase Forum wird fleißig Whataboutism praktiziert.

Für AMD ist das ganze ärgerlich, aber sie werden das schon hinkriegen. Viel schlimmer sind meiner Meinung nach die Probleme bei RDNA 3, die man nicht über den Austausch einer Komponente lösen kann.

Ja, sie haben richtig peinlich rausgehauen, aber man muss dazu sagen, dass es von vielen Seiten kritisiert wurde.

Du, solange das ansonsten "da draußen" als ausgestanden zu betrachten ist, kannst du das für dich persönlich gerne weiterhin dramatisieren. 😉

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Veteran

496 Kommentare 312 Likes

Hier auch, was man gleich an dem Posting über dem Deinen sehen kann.

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Lieblingsbesuch

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452 Kommentare 80 Likes

Welche sollen das denn sein?

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Case39

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2,541 Kommentare 961 Likes

Das ist jetzt wohl das Letzte was AMD braucht...ZEN 4 läuft gar nicht und jetzt der Rückruf bei RDNA3 Karten.

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Danke für die Spende



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About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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