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1More Quad Driver im Test – In-Ears, die einfach Spaß machen | igorsLAB

Ich gebe es ehrlich zu, denn ich wollte den Quad Driver von 1More (Modell E1010) aus falsch verstandener Objektivität erst gar nicht testen. Denn ich habe seit Jahren ein eher gespaltenes Verhältnis zu In-Ears, die mich meist weder klanglich noch ergonomisch wirklich vom Hocker reißen konnten. Auch wenn wir als Familie so einige In-Ears im Privatbesitz haben, darunter auch Referenz- und Spitzenklassemodelle wie die Bose QuietComfort 20, Bowers & Wilkins C5 und die Westone W30 – ich war weder mit dem Klang, noch dem Langzeitkomfort vollumfänglich zufrieden, denn irgendwas störte eigentlich immer.

Da ich In-Ears meist unterwegs genutzt habe und sporadisch auch noch nutze, ist es für mich eher weniger die audiophile Spielwiese, die es akustisch zu mähen gilt, sondern der Abenteuerspielplatz für den echten Spaß zwischendurch. Da muss es auch nicht zwingend neutral klingen, sondern darf auch etwas aufgepolstert als Badewannen-Plagiat und auch gern etwas dreckiger daherkommen. Akustisch gesehen. Und genau da haben mich die Quad Driver von 1More dann doch etwas überrascht. Und zwar im positiven Sinne, wenn auch nicht gleich. Aber das ist schon eine eigene Geschichte, die es gleich noch gibt.

Zunächst will ich noch kurz was zu den Hybrid-Treibern schreiben, denn irgendwie muss man ja vier Schallwandler in so einen Winzling erst einmal hineinpressen. Wobei es natürlich nur ein dynamischer Wandler ist, der hier den Tiefton bis zu den unteren Mitten vortragen darf. Der Rest besteht aus aufgesteckten Modulen für die oberen Mitten, den Hochton und den Superhochton. Hätte man den Firlefanz mit dem Hi-Res-Audio-Zertifikat weggelassen, hätten auch drei Treiber gereicht. Aber den Triple Driver gibt es ja schon. Und zwar von 1More. Aha.

So mühen sich nun zwei zwei sogenannte Balanced Treiber wie schon beim Triple bis ca. 20 kHz, was sowieso schon für die meisten reichen dürfte. Der vierte Treiber ist dann für Frequenzen bis 40 kHz gedacht und er soll, auch wenn das ja eigentlich nur noch Fledermäuse wahrnehmen können, für mehr Crispyness sorgen. Das wiederum ist aus meiner Sicht kaum nachvollziehbar und eher eine fluffig gestrickte  urban legend. Aber man erfüllt damit die Voraussetzungen fürs Zertifikat. Guckst Du!

Apropos Zertifikat – mit THX darf sich das Produkt auch noch schmücken. Stoppen wir mal an dieser Stelle den Vortrag mit den ganzen Vorschusslorbeeren, denn zu diesem Zeitpunkt war ich noch reichlich skeptisch, ob das wohl jemals eine Liebesbeziehung werden wird. Dafür habe ich schon zu viele Maketingblasen zerplatzen sehen müssen und am Ende blieb dann nichts außer einem feuchten Fleck. Im übertragenen Sinne natürlich.

 

Lieferumfang und Ausstattung

Wenn man sich vor Augen führt, dass man das Produkt stellenweise schon für 120 Euro bekommt, ist der Lieferumfang samt Verpackung erstaunlich. Neben einer magnetisch verschließbaren Box erhält man neben den eigentlichen In-Ears, die bereits mit einem Silikonpolster bestückt wurden, noch acht weitere Tips mit verschiedenen Durchmessern und unterschiedlicher Ausführung. Und genau deshalb wurde ich auch das erste Mal seit Langem fündig, was eine Igor-kompatible Polsterung betrifft.

Zusammen mit der Turbinen-Form (den Fön habe ich mir verkniffen) sitzen die Teile sogar richtig angenehm. Und genau deshalb werden sie mich in zwei Wochen auch erstmals auf der Langstrecke begleiten und mit Clip und Flugzeugadapter für den Fall der Fälle absichern. Das Leder-Etui ist extrem stabil und sogar trittfest (unfreiwillig getestet). Wenn jetzt auch noch der Rest stimmt, könnte ich durchaus milde gestimmt werden. Aber der akustische Ersteindruck war akustisch zunächst alles andere als prall.

 

Einspielen? Kein Voodoo, sondern Pflicht!

Wenn man die Teile auspackt, anschließt und denkt, man könne sich ungestört der Musik hingeben, denn ist man entweder taub oder naiv. Oder beides. Der etwas zu präsente Bass klang matschig, unkonturiert und einfach nur zum Kopfschütteln. War’s das jetzt schon? Denn bei jedem ordentlichen Drum schob es die Mitten in einer fiesen Welle vor sich her, als gelte es, kleine Enten unters Eis zu befördern. Tödlich für jeden Musikstil, leider. Deshalb habe ich mal versuchsweise den Quad Driver an den FiiO X1 und den Player an eine potente Powerbank angeschlossen und die gesamt Playlist satte 56 Stunden durchhämmern zu lassen.

Auch wenn ich das Einspielen bei den meisten Geräten eher für Voodoo halte, diese hierfür beim Quad Driver investierte Zeit ist ein Maximalgewinn! Der Bass wird sehr viel schwärzer, strukturierter und vor allem auch etwas texturierter. Gut, extrem präzise ist es dann auch noch nicht ganz, aber fast. Da stört dann auch nicht die Badewanne, die den Bass etwas nach vorn schiebt, denn er lässt alles ab dem Oberbass in friedlicher Koexistenz leben. Wer den Quad Driver wirklich gerecht werden will, sei es als Käufer oder Reviewer, wird sich diese Zeit nehmen müssen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Man sollte wirklich eine breit aufgestellte, aber basslastige Playlist nutzen und möglichst Vollaussteuerung fahren. Dann passt es.

 

Optik, Haptik und Funktionalität

Hach, die Teile sind so schön kühl. Aluminium halt, denn auf Kunststoff hat man beim Body fast komplett verzichtet Das ist optisch ein Genuss, haptisch sowieso. Und haltbar sollte es dann auch sein. Zu den Ear-Tips schrieb ich ja bereits eingangs etwas, aber die Auswahl ist wirklich fast schon einzigartig, so dass man es auch gern mal wiederholen darf. Das Wechseln ist recht einfach und so kann man schon richtig viel Zeit damit verbringen, das wirklich optimale Paar auszutesten.

Die insgesamt 1,25 Meter langen Kabel machen keinen schlechten Eindruck und die Kevlar-Einlage schaffte zusätzlich ein wenig Vertrauen. Leider sind die Herausführungen recht luftig und man erkennt nicht, wie das Kabel gegen ein Abknicken oder Herausreißen geschützt sein könnte. Abnehmen lassen sich die Kabel nämlich nicht. Da ich aber beim Zusammenlegen und Verstauen von Haus aus alles über die Hand wickle, dürfte da eher weniger passieren. Schaun’ wir also mal, was die Zeit so mit sich bringt. Der Stecker besitzt übrigens einen Schutz gegen das Abnicken. Und er ist selbst um 90° abgewinkelt, was den Betrieb an gesäßnahen Mobilgeräten sicher nicht erschwert, im Gegenteil.

Die Kontrolleinheit ist intuitiv bedienbar und die drei üblichen Taster (Lautstärke, nächster Titel und Anrufannahme) sind sowohl am iPhone als auch an Androiden funktionell angebunden. Das Mikrofon ist gut versteckt, klingt noch nicht einmal schlecht, leidet aber etwas unter dem Körperschalleinfluss, den  die etwas starren Zuleitungen immer dann ausüben, wenn sie am Hemd anstoßen oder schaben. Einen Low-Cut habe ich nicht feststellen können. Der Klang ist nicht sehr crispy, aber erträglich laut und etwas überbetont in den oberen Mitten, was der Verständlichkeit beim Telefonieren nicht abträglich ist.

Das Gewicht von knapp 19 Gramm Gramm und die guten Polster sorgen für einen fast schon perfekten Tragekomfort. Da sieht man dann auch schon mal milde über die etwas zu starren Kabel hinweg. Die wiederum vermitteln dadurch zumindest ein gewisses Gefühl der Haltbarkeit. Immerhin etwas.

 

Hörtest: Musik und Gaming

Genau jetzt wird es lustig, denn ich kann ja diesmal nichts messen, weil das Equipment für In-Ears nicht geeignet ist. Was ich aber machen kann, ist der subjektive Ohrenreport des Gehörten, was auch interessant ist. Die Einschwingzeit ist übrigens, subjektiv empfunden, richtig gut, das Nachschwingen kaum wahrnehmbar. Zumindest stört es nicht. Schade, dass ich es diesmal nicht mit den Zerfallsdiagrammen belegen kann, aber man kann das Gehörte wirklich gut finden. Zumindest im eingespielten Zustand.

Der Bass geht tief, richtig tief. Auch wenn die Abstimmung nach unten hin etwas vorlaut scheint – der Bass lässt dem Überbau ab dem Oberbass bis in die Turmspitze hinaus stets genügend Luft zum Atmen. Vor allem bei Klassik, wenn neben der Orgel auch andere Tiefspieler gemeinsam und laut am Werk sind, geht etwas die Textur abhanden und so manches vermischt sich etwas zu einem tieftönenden Einheitsbollwerk. Das ist allerdings Jammern auf sehr hohem Niveau, denn auch die dreimal so teuren Westone W30 sind nicht wirklich besser, der Bose ist sogar deutlich schlechter.

Der Oberbass ist anwesend, aber nicht zu dominant und die unteren Mitten klingen noch warm und füllig. Damit erreicht man ein fast schon heimeliges Kaminambiente, ohne gleich zuckersüße Klangmarmelade zu verteilen. Analytisch geht komplett anders und das ist auch gut so. Die Mitten und oberen Mitten sind ausgeglichen und fast schon langweilig sauber, erst der Hochton kommt dann wieder etwas mehr in Fahrt. Ab ca. 7 KHz wird es fast schon dreckig, aber ohne metallisch zu wirken oder zu kratzen. Man kann das fast schon mit dem Sound von Klipsch-Hörnen vergleichen. Präsenz ohne Impertinenz, passt.

Das Ganze klappt Genre-übergreifend in einer beeindruckenden Konstanz und selbst das Gaming muss keine getrennte Veranstaltung bleiben. Schallquellen lassen sich ab den unteren Mitten bis ganz nach oben hin sehr gut separieren, auch in gehäufter Form und bei hohen bis sehr hohen Pegeln. Die Bühne ist beeindruckend und die räumliche Abbildung ist sogar besser als bei den Westone W30 und liegt fast schon ein ganzes Paralleluniversum vor den Bowers & Wilkins C5, die mich immer mehr enttäuscht haben, obwohl auch sie deutlich mehr kosten. Die In-Ears von Bose sind im direkten Vergleich nicht mehr als nur reine Gebrauchsgegenstände gegen plärrende Mitflieger und halten klanglich keinem Vergleich stand.

Das Gehörte ist somit eine nette Fortsetzung der Rubrik Optik und Haptik, was mich zum Einsehen bewegt hat, dass man emotionslos auch öfters mal über eigene Vorlieben und Vorurteile neu dachdenken sollte. Ihr wisst schon, das Spielchen mit dem eigenen Schatten und dem Springen.

 

Zusammenfassung und Fazit

Man kann sich also auch irren, so ehrlich muss ich dann in der Zusammenfassung schon sein. Auch wenn die Quad Driver keine audiophilen Klangkörper für den rotweinschlürfenden Ledersesselhocker sind und zudem weit weg von professoraler Belehrung aufspielen – es sind echte Spaßhörer, die kaum Wünsche offenlassen, weil sie so schön ehrlich genau das vermitteln, was man braucht, wenn man eben nicht gedankenversunken vor sich hin dösen will. Laut? Geht richtig gut. Präzise tief und strukturiert? Geht auch noch ganz gut, vor allem in den sehr warmen Mitten. Spaß am Kamin und man hört dort das Holz knistern, bevor der Baum überhaupt gefällt wurde.

Dann kann man den Rotwein auch gern weglassen, sich einen Rolli überstreifen und was Kernigeres trinken. Und natürlich hören, denn die Quad Driver mögen eigentlich jedes Genre. Haptisch sind sie in Ordnung, optisch geht das auch. Und der Lieferumfang ist eine nette Dreingabe im Maxi-Format. Zu kritisieren gibt es nicht viel. Bis auf die lange Einspielzeit und die unklar befestigten Kabel. Das Gewicht geht gerade noch so in Ordnung, dafür reißen es die Polster in Vielfalt und Sitz locker wieder raus.

Man kann die 1More Quad Driver also durchaus empfehlen, denn für unter 120 Euro Straßenpreis muss man erst einmal etwas Besseres finden. Gut, das wird es wohl immer geben, aber man muss schon echten Aufwand betreiben. Und ob dann wirklich alle Punkte passen, ist da auch noch nicht geklärt. Kategorie “Kann man gern kaufen”, wenn man zufällig ca. 120 Euro übrig hat und auf In-Ears steht. Mich zumindest haben die Teile dazu angeregt, ihnen auf der nächsten Langstrecke eine echte Chance zu geben. Auch wenn die Bose ANC haben und die 1More nicht. Abschließen und ausschließen können die nämlich auch. Sogar ohne elektrische Kinkerlitzchen.

 

Datasheet

 

1MORE Quad Driver schwarz (E1010)

voelkner.deAuf Lager, Lieferzeit 1-2 Werktage118,04 €*Stand: 18.01.20 08:19
digitalo.deAuf Lager, Lieferzeit 1-2 Werktage119,00 €*Stand: 18.01.20 08:32
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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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