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Globuli fürs Schaufenster? AMD, Ryzen 3950X, Threadripper 3 und die gute alte DDR | Editorial

Als gelernter DDR-Bürger stand man ja immer vor dem Dilemma, was denn nun wohl für die persönliche Nullnummer besser sei: ein prall gefülltes Schaufenster und ein leeres Portemonnaie oder ein leeres Schaufenster und eine prall gefüllte Geldbörse. Letzteres traf eigentlich im Osten fast immer zu. Naja, bis auf ein paar Privilegierte, die valuta-gedopt dann doch gleicher waren, als das Alu-Chip-mäßig gleichgeschaltete Volk. Die gewachsenen Bedürfnisse nach Vapor-Ware holte man sich brav aus dem Westfernsehen oder zahlte Mondpreise in sogenannten Delikat-Läden, wo billig hergestellte Produkte aus der sogenannten Gestattungsproduktion zu astronomischen Summen dem arbeitenden Volk zum Verkauf angeboten wurden.

Die Mainzelmännchen waren damals die unheilvollen Verkünder von Geschichten über unerreichbare, süße Früchte. Heute sind es die Medien. Auch sonst gibt es erschreckend viele Parallelen. Die Delikat-Läden von heute heißen Alternate, Caseking & Co, die Mangelware kommt allerdings nicht aus dem Westen Deutschlands, sondern von AMD. Und anstelle von Leckereien und Alkoholika geht es um genauso lebensunwichtige Dinge wie Prozessoren, bei denen sich aber der Sucht-Faktor mindestens genauso tief ins Hirn brennt, wie seinerzeit der Nordhäuser mit dem schwarzen Etikett in der unrunden Flasche. Lustigerweise tut Intel mit seinen aktuellen X299-CPUs genauso geheimnisvoll, nur dass scheinbar das massentaugliche Bedürfnis abhandengekommen zu sein scheint. Könnte das denen bitte mal irgendwer behutsam mitteilen?

Die paar Ryzen 3950X, die es bisher in den real-existierenden, post-sozialistischen Handel geschafft haben, werden überwiegend in alter Konsum-Vetternwirtschafts-Manier unterm Ladentisch in inneren Zirkeln weiterdelegiert und ein paar Stück zur Wahrung des äußeren Scheins auf der Ladentheke drapiert. Ganz oben selbstredend, damit auch ja keiner mit seinen gierenden Wurstfingern drankommt. Anfassen verboten, Warenmuster statt Marktabdeckung also. Das merkt dann auch die Presse, die zwar als Verkünder der frohen Botschaft immer noch gern gesehen ist (vor allem als Prospektverteiler der kalorienarmen PR-Folien), allerdings umso mehr dem innerparteilichen AMD-Selektionsverfahren unterliegt, denn es kann nun mal nicht jeder Pimpf so einfach ins Politbüro aufsteigen. Wo käme man denn da auch hin (Verständnis dafür inkludiert)?

Mangelware hat immer ihre Gründe. Es darf auch stark angezweifelt werden, dass plötzlich der 800-Euro-Bereich des CPU-Marktes von einer Tsunami-gleichen Käuferwelle überrollt würde. Fakt ist, dass nach der Verzögerung des Ryzen 9 3900X nunmehr auch der Ryzen 9 3950X noch nicht mal in den sonst in dieser Preisklasse völlig ausreichenden Kleinmengen verfügbar ist. Was wir gerade erleben ist nichts anderes als die Globulisierung des High-End-Marktes mit Produkten, die sich woanders deutlich gewinnbringender verkaufen lassen.

AMDs große Deals mit den Server-Moguln und der Erfolg von Epyc 2, der trotz aggressiver Preisgestaltung scheinbar das neue geschnittene Brot der Großrechner-Clans darstellt, schlagen natürlich auch bis nach unten zum PC-Prekariat durch. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das sogar nachvollziehbar, dass man jedes noch irgendwie brauchbare Chiplet lieber in eine epysche Umlaufbahn schießt, als es in schnöden Consumer-CPUs zu beerdigen. Nur hätte man dann vielleicht mit dem Launch auch bis 2020 warten können. Nicht, denn ich vergaß ja Intel.

Wobei das, was da an mageren bis zu 15% zwischen einem Core i9-7980XE von Anno Tobak und dem aktuellen 10980XE liegt, noch nicht mal einen Paper-Launch der großen Ryzens wert gewesen wäre. Kauft eh keiner. Naja, fast keiner. Und Intel darf sich bedanken, dass AMD seine Warenströme lieber in die Cloud lenkt, da kann man wenigstens noch so tun, als ob eine echte Nachfrage bestünde. Ruhig schlafen lassen würde mich das allerdings auch nicht.

Und was bedeutet das nun ganz konkret für den ostdeutschen Wirtschaftsraum um Chemnitz? Das einzelstehende Warenmuster für die Ryzen-Fleischbeschau wird leider zeitnah wieder eingezogen, Nachtests ausgeschlossen. Nachfragen an die Handelskommission und die Warenstromlenker für den käuflichen Erwerb waren bisher leider erfolglos. Und Schwarzmarktpreise zahle ich schon aus Prinzip nicht. Der Ryzen 9 3900X hat sich trotz entkalktem Strom und kalorienarmer Nahrung selbst entsorgt. Bei Menschen heißt das dann plötzlicher Kindstod, Ursache unbekannt. Nachlieferung oder Ersatz? Träum weiter…

Willkommen im Real-Existierenden und wer bis heute nicht begriffen hat, was unbefriedigte Bedürfnisse und Mangelwirtschaft fürs seelische Gleichgewicht bedeuten können: hier wäre mal ein wirklich schönes Beispiel dafür, dass es eben nicht reicht, die Preise für Brot, Wasser und Spiele einzufrieren. Der Mensch will nun mal mehr, wenn er es sich leisten kann und will. Und was ist mit Threadripper? Reden wir drüber, wenn sich das Teil aus einem Anschauungsobjekt zum echten Kaufobjekt gewandelt hat. Irgendwann, nächstes Jahr vielleicht. Und Intel? Später mal nachfragen…

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.