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AMDs BIOS-Rochade der Radeon RX 5600 XT und die Folgen für Verbraucher und Boardpartner: BIOS-Wirrwar, Kühlerunterschiede und einige Crashs

Ich habe mich bewusst nicht an der medienübergreifenden BIOS-Diskussion der letzten Tage beteiligt, denn die publik gewordenen Spekulationen und Daten sind eigentlich nur die Spitze eines größeren Eisbergs und das mögliche Problem liegt deutlich tiefer. Deshalb will ich hier und heute und auch erst nach dem Launch die Fakten zusammentragen, die ein durchaus vielschichtiges Bild ergeben. Doch beginnen wir schön der Reihe, denn am Anfang steht der Bordpartner.

Das Launch-Review hat ja durchaus gezeigt, dass sich AMDs Radeon RX 5600 XT nach dem besagten BIOS-Upgrade mit Nvidias GeForce RTX 2060 messen kann, wo die Gegnerinnen noch im offiziellen Reviewers-Guide GeForce GTX 1660 Ti und GTX 1660 Super hießen. Wo man das Schippchen draufgelegt hat, zeigen die nachfolgenden Grafiken aus dem BIOS einer Powercolor RX 5600 XT. Links vorher und recht nachher mit dem neuen BIOS, zunächst mit GPU-Z. Interessant ist, dass es beides noch Beta-BIOSe sind:

 

Auch im MorePowerTool finden sich abweichende Vorgaben:

 

 

 

Es sind also der GPU- und der Speichertakt gestiegen und dazu wurden die TDC (Maximalstrom GFX) sowie die TGP (Maximale Leistungsaufnahme GFX) signifikant angehoben. Doch kann man ein bereits fertiges und validiertes Produkt in so wenigen verbleibenden Stunden vorm Launch wirklich so drastisch und vor allem auch risikofrei umwerfen?

Entwicklung und Validierung brauchen Zeit

Man zaubert eine Grafikkarte natürlich nicht mal eben so aus dem Hut, auch wenn die RX 5600 XT natürlich die bestehenden Ressourcen der RX 5700 (XT) weiterverwenden kann. Würde man von Null beginnen, benötigte man mindestens 10 Wochen vom Plan bis zur Massenproduktion. Im günstigsten Fall. Setzt man hingegen wie bei der RX 5600 XT auf ein bestehendes Platinen- und Kühler-Design auf, dann entfallen die grauen Einträge der nachfolgenden Tabelle. Aber die einzelnen Tests ab dem Working Sample müss(t)en komplett noch einmal absolviert werden.

BOM ReleaseBill Of Materials ReleaseStart
EVTEngineering Validation Test1-2 weeks
DVTDesign Validation Test2 weeks
WSWorking Sample1-2 weeks
EMI-TestElectromagnetic Interference Testless than week
PVTProduction Validation Test2-3 weeks
PVT Sorting
PPBIOSFinal BIOSa few days
Ramp & MPMass production and shippinga few days

AMD liefert, wie Nvidia auch, die GPU und den Speicher im Bundle. Nachfragen bei den einzelnen Boardpartnern haben ergeben, dass AMD der Einfachheit halber bereits von Anfang an Module mit 14 Gbps ausgeliefert hat, das BIOS diese jedoch auf 12 Gbps einbremst. Es ist logisch, dass es am Ende günstiger kommt, Komponenten gleich in großen Stückzahlen zu ordern, zumal der Preis für die langsameren Module in kleinerer Stückzahl wohl ähnlich ausgefallen wäre. Glaubt man den Quellen bei den Herstellern, dann hat AMD den geringeren Speichertakt anfangs mit technischen Gründen erklärt, nicht mit einer bewussten Performance-Beschneidung. Genau darauf komme ich auch gleich noch einmal zurück.

AMD hat zudem den Preispunkt für die günstigsten Modelle, die sogenannten MSRP-Karten (die möglichst nah an der UVP liegen sollen) bei 299 Euro verortet, was für die ursprüngliche Variante im Hinblick auf die tatsächliche Performance der originalen Firmware eine viel zu optimistische Angabe war. Viel Spielraum nach unten bleibt aber trotzdem nicht, wenn man auf die Technik der RX 5700 setzen möchte, so dass einige Boardpartner nach Wegen gesucht haben, diesen Preispunkt mit gewissen Eingriffen auch zu treffen. Der Punkt DVT in der Tabelle oben zielt unter anderem ja auch darauf ab, z.B. auch die Kühlperformance auszubalancieren. Doch dafür blieb keine Zeit mehr.

Cost-Down für den Preispunkt

Eine TGP von ursprünglich nur 135 Watt führt natürlich dann auch so manchen Controller in Versuchung, im sogenannten Cost-Down die Herstellkosten noch einmal zu optimieren. Ein gutes Beispiel dafür ist der Wegfall einer Heatpipe bei der Powercolor RX 5600 XT Red Dragon. Die erhöhte TGP des neuen BIOSes sorgt zwar jetzt nicht für Ausfälle, aber die zweite Batch dieses Modells wird diese Heatpipe wieder besitzen. Leider spielte UPS nicht mit, die satte 5 Tage für eine Express-Lieferung benötigten, so dass ich die neue Karte später als Update einfügen muss. Aber man sieht es auch so, wo das Loch ist:

Welche Karte der Kunde diese Woche mit welchem BIOS im Laden erhält, das weiß er am Ende natürlich nicht. Try and Error und am Ende auch ein Verlustgeschäft für Online-Händler, wenn sich das rumspricht. Von den elektrischen Dingen wie dem Spannungswandler-Design und dem Balancing mal ganz zu schweigen. Da hat Powercolor in diesem Fall keine Schwächen gezeigt, aber es gibt ja auch noch andere Hersteller.

Wenn AMD die Boardpartner ganze 4 Werktage vor dem Launch mit einem neuen BIOS “konfrontiert”, das sowohl die TGP als auch den Speichertakt signifikant erhöhen soll, dann fehlen bis zu 5 Wochen Validierung im Werk. Zumal viele der Mitarbeiter der chinesischen Firmen wegen des Chinesischen Neujahrsfestes bereits im Urlaub sind oder die Unternehmen ihre Belegschaften nur mit Mindeststärke fahren. Validierung und stabile Lösungen sind da eigentlich unmöglich und stabile Produkte wohl auch reine Glückssache.

MT61K256M32JE-14 von Micron

Optimisten, Pessimisten und nicht nur ein einzelner Crash

Nicht jede Firma hat den Speichertakt bisher angehoben, so dass es zum Launch bunt gemischt 14-Gbps- und 12-Gbps-Karten geben wird. Dazu unterschiedliche Kühllösungen der ersten und zweiten Batch. MSI wird das mit dem Speicher z.B. vorerst nicht tun. Ich habe nicht nur mit dem Produktmanager sprechen können, sondern auch die Ergebnisse aus dem Testlabor mit meinen eigenen abgleichen können. Meine Powercolor RX 5600 XT zeigte bei vollem Speichertakt nach einem bis zu 2-stündigen Run speicherintensiver Spiele (Wolfenstein Youngblood, Shadow of the Tomb Raider) in WQHD immer wieder Freezes, genauso wie meine MSI RX 5600 XT Gaming X mit einem speziellen Beta-BIOS, während beide Karte mit verringertem Speichertakt (50 MHz weniger reichten da meiund ansonsten gleichen Settings über Stunden stabil durchliefen. MSI hatte diese Freezes bis hin zum Bluescreen und Fehlermeldungen zum Speicher übrigens mit den eigenen Karten auch.

Einer der Boardpartner hat zudem versichert, auch Speicher der RX 5700 getestet zu haben, die sich mit der RX 5600 XT in der Modellreihe die gleiche Platine teilt. Die Probleme waren am Ende aber immer wieder die gleichen. Man mutmaßt deshalb, dass diese Instabilität beim hohen Takt auf das etwas eigenwillige Design der drei Speichercontroller und deren Anbindung an die 4 Blöcke zurückzuführen sein könnte und die Signalwege dadurch negativ beeinflusst werden könnten. Das erklärt dann sicher auch die anfängliche Zurückhaltung mit den 12 Gbps als Zielvorgabe.

Als Kunde hat man am Ende nur drei Optionen: Mut zur Erstausstattung, Abwarten und Tee trinken sowie der alternative Griff zum RTX-Produkt. Man sollte natürlich keine Panikattacken schieben und der Paranoia lustig frönen, aber wenn Produkte ohne tiefergreifende Validierung hektisch auf dem Markt geworfen werden, dann widerspricht dies zumindest allen Regeln eines guten Qualitätsmanagements und es bleiben viele Fragen offen. Kann klappen, muss aber nicht.

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About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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