Grafikkarten Notebooks Testberichte

MXM Mobile PCI Express Module – Das Sterben eines offenen Standards für Grafikmodule im Notebook und die Hintergründe

Im Jahr 2004 stellte Nvidia MXM als ersten offenen Standard für austauschbare Grafiklösungen im mobilen Sektor vor. Doch auch wenn wir mittlerweile im Jahr 2020 und bei der Version 3.1 angelangt sind, es sind überwiegend die Hersteller selbst, die sich einem derartig einfachen Austausch von Grafikmodulen immer deutlicher Verweigern. Natürlich ist es schwierig, plattformübergreifend die neuen Technologien wie Dynamic Boost (Nvidia) oder SmartShift (AMD) zu vereinen, aber es ginge durchaus. Man muss nur eben wollen. Und genau da wird es schwierig und undurchsichtig.

Was macht aber MXM eigentlich so interessant? Ein übergreifender Standard ermöglichst es einerseits den Notebook-Herstellen flexible Designs zu schaffen, bei denen die Grafiklösungen  nahezu beliebig variiert werden können, was sicher auch Kosten sparen könnte. Dem Kunden ermöglicht es eine recht einfach Auf- oder Umrüstung bzw. das Wechseln von AMD zu Nvidia oder anders herum, was ebenfalls eine enorme Kostenbremse wäre. Und nun? Finde den Fehler!

Die Chiphersteller, allen voran Nvidia als Verfechter des eigenen Q-Max-Designs, sehen das mittlerweile deutlich verbissener. Doch dazu komme ich gleich noch. Denn auch die Notebook-Hersteller verlieren, zusammen mit den Chipherstellern. Denn während die Prozessoren in den letzten Jahren meist nur marginale Leistungssprünge vollzogen haben, sind es meist die Grafikchips, die über das Erneuern der Notebooktechnik entscheiden. Merke: nichts ist unnützer, als die Zeitung von gestern.

Denn während der Kunde sich aus dem Regal einfach seine Aufrüstkomponenten zusammenstellen könnte, entfällt gleichzeitig der Grund, sich einen neuen Laptop kaufen zu müssen. Und genau das wird den Chipherstellern und Notebookanbietern wohl eher weniger am Herzen liegen. Und wo käme man auch hin, wenn man sich mit günstigen Kleingehäusen und MXM-Karten im Office eine flexible eGPU neben den Laptop stellen würde und diese dann auch noch aufrüsten und mit Kollegen teilen könnte? Eine Nase, ein Laptop. So geht Business heute, leider.

Die meisten Shops, die MXM-Module verkauft haben, sind mittlerweile nicht mehr existent (man erinnere sich z.B. an Upgrade Monkey), was nicht gerade zur Freude der Anwender führt. Aber ohne neue Angebote und Karten wird es einfach nichts mehr. Dabei hätte doch alles so schön sein können…

Intels DG1 als MXM-Modul? Eher unwahrscheinlich, leider

Intel? Man wird wohl gar nicht erst einsteigen

Jetzt fange ich einfach mal von hinten und bei Intel an. Man bereitet sich mit Tiger Lake auf die neue Xe-Grafik vor und setzt nach wie vor auf eine potente iGPU. Es sei ihnen natürlich gegönnt, von ganzem Herzen. Doch eine DG1 als MXM-Modul und damit auch als flexible Lösung zum (sonst wohin) Stecken wäre doch gerade für die kommerzielle Ausrichtung der DG1 eigentlich eine ideale Schiene! Wirklich? Ich habe die Aussagen der OEM/ODM natürlich anonymisiert, zusammengefasst und auch etwas gekürzt, aber sie treffen den Kern der Sache aus Sicht des OEM/ODM sehr deutlich.

  • Intels erste dedizierte Grafikkarte ist primär für den hoch spezialisierten Enterprise Bereich konzipiert, was natürlich Fragen aufwirft.
  • Basierend auf sehr guten Kontakten zu Intel haben die OEM/ODM seit der Bekanntgabe des Einstiegs von Intel ins Segment dedizierter Grafikkarten immer wieder darauf gedrängt, dass es eine Unterstützung des MXM-Standards und eine weitgehende Kompatibilität zu NVIDIAs technischem Anforderungsprofil im High-end-Bereich geben sollte.
  • Es wäre zudem eigentlich auch der ideale Brückenkopf in den Mobilbereich, um eine gut durchmischte, zahlungskräftige Zielgruppe an Intels neue Toolchain heranzuführen
  • Aber angesichts der Tatsache, dass die DG1-Grafiktechnologie gleichzeitig auch als als integrierte Grafik in der kommenden ULV-Generation ‘Tiger Lake’ herhalten muss, als auch angesichts von Intels Tendenz der letzten Jahre, lieber eigene, maßgeschneiderte und Trademark-geschützte Standards aus der Taufe zu heben … macht man sich für eine MXM-Unterstützung von dedizierter Intel-Grafik in den nächsten Jahren erst einmal wenig Hoffnung

Das ist sicher schade, aber der Trend zu immer mehr integrierten und proprietären Lösungen wird wohl auch diese hochinteressante Option verhindern

RX 580 – dann kam nichts mehr

AMD? Stirb langsam, Teil 6

Man könnte glauben, dass wenigstens AMD am MXM-Geschäft interessiert sei, den immerhin hat man bereits als ATI und später AMD doch so Einiges produzieren lassen. Allerdings hatte AMD nach der Übernahme von ATI begonnen, manche Teile des Standards doch sehr weit auszulegen und sich auch bei den Details nicht mehr exakt an die Vorgaben zu halten, was einen direkten Austausch mit Nvidia-Modulen zumindest erschwerte. Ein Beispiel von vielen ist der HDMI-Standard, was dann bei unterschiedlicher externer Nutzung und auch Umbelegungen auf den Kontakten zu Inkompatibilitäten führte.

Doch seit über sieben Jahren hat auch hier das Sterben begonnen, das allerdings auch auf Vorurteilen begründet ist. Der nachfolgende Extrakt aus Herstelleraussagen von Notebookproduzenten ist beispielhaft, wenn es um die Auslegung von Vorurteilen und tatsächlichen Support-Problemen geht.  Und das ist beileibe kein Einzelfall-Beispiel, sondern repräsentiert die gesamte Branche. Zusammenfassung gefällig? Hier ist sie:

  • Derzeit sind keine dedizierten AMD-Grafikkarten in unseren Laptops geplant.
  • NVIDIA hat nach wie vor ein exzellentes Verhältnis von Performance zu Leistungsaufnahme.
  • Wir erkennen an, dass manche Kunden trotzdem lieber eine AMD-Grafikkarte hätten (aus Brand-Affinität oder wegen der offenen Linux-Grafiktreiber von AMD).
  • Mangelnder Support von AMD und deren Toolchains verhindern es zum aktuellen Zeitpunkt leider noch, das nötige Investment an Entwicklungskosten für AMD-Grafik im Laptop aufzubringen.
  • MXM ist ohnehin ein sehr wackeliger Standard.
  • Zum aktuelle Zeitpunkt gibt es unseres Wissens nach von AMD nicht einmal ein MXM-Referenzlayout für aktuelle AMD-Mobilchips.
  • In Anbetracht der Marktstrategie von AMD, welche bei Lösungen mit hohem Integrationsaufwand (Embedded, Mobile) in erster Linie auf den preissensiblen Massenmarkt (Notebooks mit integrierter Grafik oder ULV-CPU) oder auf die Skalierung durch extrem große, globale Partner (Apple MacBooks, Microsoft XBox, PlayStation 4) setzt, sehen die Chancen für die Integration von AMD-MXM-Grafikkarten unseres Erachtens nach auf absehbare Zeit relativ mager aus.

Die Zusammenfassung zu Intel (und später noch NVIDIA) trifft auch hier zu, lieber macht man was Eigenes oder lässt es auf Embedded-Lösungen hinauslaufen, um möglichst das gesamte Ökosystem abzudecken und bei Erneuerung der Hardware vollumfänglich zu verdienen, statt nur bei Komponenten und Modulen.

Die letzte ihrer Art?

NVIDIA hat Q-Max. Reicht doch, oder?

Spätestens seit Turing gibt es eigentlich kaum noch MXM-Module mit NVIDIA-Chips und es wird auch immer schwieriger für Boardpartner, so etwas überhaupt lizensiert und genehmigt zu bekommen. Einer der letzten Shops, die zumindest noch Quadro-P-Lösungen anbieten können ist Aetina. Doch auch das wird noch sterben, meine Hand drauf. Und doch begann auch hier der Abgesang bereits vor vier Jahren mit Pascal, wenn es um die mobile Architektur geht. Da hat man dann auch das berühmte M aus der Nomenklatur der Chips entfernt, was den mobilen Einsatz gekennzeichnet hatte und stattdessen begonnen Max-Q als neuen Standard zu etablieren.

Die Argumentation drehte sich von Anfang an um Effizienz und Performance, das perfekte Balancing, das nur Max-Q bieten kann und am Ende auch die Aussage, dass man gerade deswegen in MXM keinen zukunftsträchtigen Standard mehr sähe. Doch es hat noch andere Gründe. Das fehlende M impliziert die gleiche Leistung einer, nennen wir sie mal GeForce RTX 2080 (siehe oben) wie beim Desktop-Pendant. Aber gerade die Einschnitte, die zu mehr Effizienz führen sollen (und für Notebook ja auch müssen) reduzieren die Leistung auf das Level einer RTX 2070. Also quasi wie mit M, nur nicht so offensichtlich.

Bei den faktisch offenen MXM-Modulen überlässt man den Boardpartnern wesentlich mehr Freiheiten, Max-Q ist geschlossen und sehr stark und restriktiv reglementiert. Das kann man durchaus auch positiv sehen, aber eben nicht nur. Denn es ist ein extrem engmaschig gewebtes Netz zwischen Hardware, Software und notwendigen Design-Moves beim Notebook. Hier treffen eine massiv reduzierte TDP (also deutlich näher am eigentlichen Sweet-Spot der GPU)  auf die gern gesehen Folgen wie einfachere Kühlung und der damit auch verbundenen geringeren Geräuschentwicklung bei der Kühlung.

Die Lizensierungen bei den MXM-Modulen ist, soweit ich weiß, bereits mit der Einführung der Super-Iteration von Nvidias Pascal ebenfalls gestorben. Schade drum, denn man hätte auch Grafik-Module mit voller TDP bauen können. Doch so etwas führt schnell zur Kannibalisierung und so etwas wie eine eGPU neben einem Intel- oder AMD-Notebook möchte auch Nvidia nicht wirklich sehen.

Zusammenfassung und Fazit

Dass MXM faktisch zum Sterben fallengelassen wird und wurde  liegt also weniger an technischen Umständen sondern am Marketing und der eigenen Ausrichtung und Strategie. Der Trend zu proprietären Lösungen, gern auch als Embedded wird sich kaum umkehren lassen und Dinge wie AMDs SmartShift-Technologie oder Advanced Optimus (DDS) von NVIDIA, die nur noch ein eigenes Ökosystem unterstützen, sind der Indikator dafür, dass man sich eigentlich überall vom offenen Standard lösen wird, sofern man das noch nicht getan hat. Oder erst gar nicht einsteigt, wie wohl Intel.

 

 

Danke für die Spende



Du fandest, der Beitrag war interessant und möchtest uns unterstützen? Klasse!

Hier erfährst Du, wie: Hier spenden.

Hier kann Du per PayPal spenden.

About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

Folge Igor auf:
YouTube   Facebook    Instagram Twitter

Wir verwenden Cookies, um Ihnen das beste Nutzererlebnis bieten zu können. Wenn Sie fortfahren, diese Seite zu verwenden, nehmen wir an, dass Sie damit einverstanden sind. Datenschutzerklärung