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Lockdown in Shenzhen: Nicht alles steht still. Über Schlupflöcher und wilde Spekulationen

Man liest es ja gerade immer wieder, dass der über Shenzhen verhängte Corona-Lockdown die gesamte Produktion zum Stillstand gezwungen habe. Alles nur pauschale Panikmache oder muss man es doch differenzierter sehen? Foxconn produziere keine iPhonses mehr, Grafikkarten, Motherboards und Powerbanks werden Mangelware und die Preise werden wieder nach oben schießen. Das klingt martialisch, verbreitet Panik und so manch einer vermutet auch ein wohlberechnetes Kalkül der Chinesischen Regierung hinter dieser Maßnahme.

Zu den Gerüchten, man möchte dem Westen und allen voran den USA den Sanktions-Stinkefinger durch eine künstliche Verknappung zeigen, will ich mich gar nicht weiter auslassen, das ist mit Sicherheit viel zu weit hergeholt. Natürlich kommt das so Manchem nicht ganz ungelegen, aber es dürfte doch falsch sein. Man muss im Gegenzug einfach die Knochenmühlen sehen, wo bei Firmen wie Foxconn über 15.000 Fließbandarbeiter pro Schicht erst zusammen am Fließband stehen und dann noch beim Schichtwechsel eng zusammengepfercht durch die Gegend transportiert werden müssen.

Hier würde eine weitere Verschlimmerung der Ansteckungen und längerfristige Ausfälle auch immense Auswirkungen auf die ganze Existenz solcher Knochenmühlen haben, die nur durch die pure Masse der Lohnarbeiter existieren können. Denn auch der normale jährliche Nachschub an benötigten Wanderarbeitern ist mittlerweile schon kräftig gestört, was man an der Zeit nach CNY sehen kann, wo gewöhnlich neue Kontrakte geschlossen werden, um die Abgänge in den Kolonnen zu kompensieren. Viele vor allem junge Arbeiter(innen) verlassen nach dem ersten Jahr die Fabriken schon wieder, sei es, um zu studieren, auf die elterlichen Höfe zurückzukehren oder um sich schlicht und einfach zu verbessern.

Ich habe mit Bekannten in Shenzhen sprechen können und auch mit Firmen, die dort größere Werke betreiben (u.a. MSI, Galax, Palit, diverse Platinen- und Komponentenfertiger). Ausgehend von den bisher gemachten Corona-Erfahrungen arbeiten Verwaltung und Entwicklung solcher Betriebe bereits im Homeoffice, soweit dies möglich ist. Darüber hinaus besitzen viele Betriebe ja auf dem eigenen Gelände Unterkünfte für die Vertragsarbeiter oder haben die Mitarbeiter des Engineerings gleich im Bürotrakt einquartiert. Das wird als geschlossene Einheit betrachtet und es wird deshalb auch vielerorts weiterproduziert, wo solche Möglichkeiten bestehen. Findig statt hilflos.

Das eigentliche Problem ist also nicht die (nicht) stillstehende Produktion, sondern die völlige Abschottung nach außen und die damit verbundene Störung der Lieferketten. So werden keine Komponenten oder Rohstoffe zugeliefert, die nicht innerhalb Shenzhens produziert werden. Auch der Versand fertiger Produkte steht komplett, was nach außen hin zwar wie eine Verknappung aussieht und auch wirkt (Preise), es aber in der Realität gar nicht nicht ist. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, den die Sachen werden ja irgendwann doch abgeholt.

Deshalb würde ich aktuell keinerlei Panik schieben und warten. Noch hält sich China (zumindest offiziell) aus dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine heraus und wartet ab, welchen geostrategischen Vorteil man aus der sich nahezu stündlich ändernden Lage ziehen könnte. Und genau deshalb halte ich die Spekulationen um eine gewollte Einflussnahme auf den Markt für eher unzutreffend. Denn als reine Export-Nation und Werkbank hat China deutlich mehr zu verlieren als seinen Ruf: Geld.

 

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Man liest es ja gerade immer wieder, dass der über Shenzhen verhängte Corona-Lockdown die gesamte Produktion zum Stillstand gezwungen habe. Alles nur pauschale Panikmache oder muss man es doch differenzierter sehen? Foxconn produziere keine iPhonses mehr, Grafikkarten, Motherboards und Powerbanks werden Mangelware und die Preise werden wieder nach oben schießen. Das klingt martialisch, verbreitet Panik (read full article...)

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Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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