Maus Praxis Testberichte

Razer Basilisk Pro V3 Gaming-Maus im Zwiespalt zwischen Frisör und geplanter Obsoleszenz: Von Scroll-Wheel-Jitter, fehlendem Licht und ekliger Haarspalterei

📖 Lesezeit: ca. 20 Minuten · 3.912 Wörter · 29.505 Zeichen

Die Demontage der Razer Basilisk V3 Pro erfordert ein systematisches und zugleich vorsichtiges Vorgehen, um sowohl die optischen als auch mechanischen Komponenten unbeschädigt freizulegen. Im ersten Schritt müssen die Teflon-Gleitflächen auf der Unterseite der Maus entfernt werden, da sich darunter verdeckte Verschraubungen befinden. Die Pads sind mit einem starken, aber nicht dauerhaft zerstörenden Kleber fixiert, lassen sich jedoch mit einem spitzen Spudger oder einer flachen Pinzette vom Kunststoff lösen, ohne sich dabei zu verformen. Unter den Pads finden sich vier Torx-T6-Schrauben sowie eine zusätzliche Kreuzschlitzschraube mittig im Batteriefach. Erst nach deren Entfernung lässt sich das Oberteil der Maus vorsichtig abheben. Dabei ist besondere Sorgfalt geboten, um das empfindliche Kabel nicht zu beschädigen, das die obere Einheit mit dem Sensorboard verbindet.

 

Im zweiten Schritt wird die obere Hälfte der Maus abgehoben. Sie ist zusätzlich durch mehrere Kunststoffnasen gesichert, die sich mit sanftem Hebeln lösen lassen. Das oben geführte Flachbandkabel überträgt sowohl die Signale der RGB-Zonen als auch die des Modusschalters und der Tasten. Es ist auf einer flexiblen Leiterplatte verlötet, die sich durch eine einfache Steckverbindung vom Board lösen lässt. Wichtig ist hier, die Halteklammer des ZIF-Steckers am Sensormodul vor dem Ziehen des Kabels zu entriegeln, um mechanische Beschädigungen an den Pins zu vermeiden. Sobald das Kabel entfernt ist, kann die obere Hälfte beiseitegelegt werden und gibt den Blick auf die interne Struktur der Maus frei.

Nach dem Öffnen erkennt man die zentral auf dem Unterteil angeordnete Elektronik samt integriertem Akku, der in einer geschäumten Schutzhülle liegt. Die zentral positionierte Hauptplatine ist mit mehreren Torx-Schrauben befestigt und trägt unter anderem den SOC samt Funkmodul sowie die Steuerung für die Motorik des Scrollrads. Letzteres sitzt gut sichtbar in einer komplexen Halterung, die das Scrollrad nicht nur mechanisch führt, sondern auch die Feder, die Rastmechanik sowie den Motor zur Umschaltung zwischen Rasterung und freiem Lauf integriert. Der kleine Gleichstrommotor ist über ein Kunststoffzahnrad mit der Rastmechanik verbunden und erlaubt es, die Widerstände im Scrollrad per Software ein- oder auszuschalten.

Im folgenden Arbeitsschritt wird das Scrollradmodul aus seiner Halterung gelöst. Dazu müssen zwei Kunststoffklammern vorsichtig nach außen gedrückt werden, um die Achse samt Halterahmen nach oben herausheben zu können. Sichtbar wird nun die eigentliche Drehachse des Scrollrads, auf deren Rückseite sich eine feine, segmentierte Reflektorscheibe befindet. Diese dient als optischer Quadraturgeber für das Scrollsignal. Zwei gegenüberliegende Sensoren erfassen die reflektierten Signale versetzt um 90 Grad phasenverschoben, was eine präzise Richtungserkennung ermöglicht. Diese Lösung ist gegenüber mechanischen Encodern deutlich verschleißärmer und unempfindlicher gegenüber Staub oder Haaren, sofern die Lichtschranke nicht blockiert wird. Im hier dokumentierten Fall waren jedoch mehrere lange Haare zwischen Achse, Ritzel und Reflektor eingeklemmt, was zu unregelmäßigen Signalen und sogenanntem Jitter führte.

Jetzt lässt sich die Halterung vollständig zerlegen. Besonders bemerkenswert ist die Umsetzung der Dual-Modus-Scrollfunktion. Das Scrollrad verfügt über eine zweite, leicht schräg gelagerte Kontaktwelle, die über einen Schwenkhebel mit dem Elektromotor verbunden ist. Im Modus mit Rasterung wird dieser Hebel gegen eine gezahnte Scheibe gepresst, was eine taktile Rückmeldung erzeugt. Wird hingegen in den Freilaufmodus umgeschaltet, zieht der Motor den Hebel zurück, wodurch das Rad ungehindert und fast reibungsfrei rotieren kann. Diese Konstruktion erlaubt ein dynamisches Umschalten beider Betriebsarten, ohne dass zusätzliche manuelle Eingriffe notwendig sind. Ein Merkmal, das bislang nur in hochpreisigen Modellen wie der Logitech MX Master oder eben der Razer Basilisk V3 Pro zu finden ist.

Der letzte Schritt umfasst die Analyse der Sensoreinheit selbst. Hierbei handelt es sich um eine in Kunststoff eingegossene Platine, die neben dem optischen Reflektor auch eine LED und zwei SMD-Fotodioden umfasst. Das Codierprinzip basiert auf Helligkeitsmodulation durch abwechselnd transparente und opake Segmente, was zwei phasenverschobene Rechteckimpulse (A und B) erzeugt. Die Phasenlage beider Signale wird über die bereits zuvor gezeigte Logik dekodiert, sodass Drehrichtung und Umfang exakt bestimmt werden können. Diese Lösung ist gegenüber herkömmlichen mechanischen Encodern nicht nur langlebiger, sondern auch extrem präzise. Ein weiterer Vorteil ist die vollständige Entkopplung von mechanischer Reibung und elektrischer Kontaktierung, was sich positiv auf die Haptik auswirkt.

Die gesamte Demontage erfordert etwa 20 Minuten bei vorsichtigem Vorgehen und offenbart ein durchdachtes, modulares Design, das allerdings kaum reparaturfreundlich im eigentlichen Sinne ist. Der Akkutausch ist nur mit Löterfahrung möglich, und die eigentliche Ursache des Defekts – Fremdkörper im Encoder – ließe sich durch ein einfacheres Reinigungskonzept vermeiden. Hier zeigt sich einmal mehr die Kluft zwischen durchgestyltem Highend-Produkt und realer Nutzbarkeit im Langzeitbetrieb. Immerhin: Der optische Encoder überlebt auch haarige Zwischenfälle, sofern man ihn von Hand befreit. Und genau das schauen wir uns auf der nächsten Seite an!

 

About the author

Igor Wallossek

Chefredakteur und Namensgeber von igor'sLAB als inhaltlichem Nachfolger von Tom's Hardware Deutschland, deren Lizenz im Juni 2019 zurückgegeben wurde, um den qualitativen Ansprüchen der Webinhalte und Herausforderungen der neuen Medien wie z.B. YouTube mit einem eigenen Kanal besser gerecht werden zu können.

Computer-Nerd seit 1983, Audio-Freak seit 1979 und seit über 50 Jahren so ziemlich offen für alles, was einen Stecker oder einen Akku hat.

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