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EMV – Was ist eigentlich “Elektromagnetische Verträglichkeit” und wo betrifft uns das? | Grundlagen

Glas- und Acrylseitenwände aus EMV-Sicht

Wie vorher erklärt wurde, können geerdete Metallteile einiges zur EMV beitragen. Ersetzt man jetzt die Metallseitenteile eines Desktop-Computers, so entfällt an dieser Stelle natürlich die abschirmende Wirkung. Nun würde man eventuell meinen, dass der Computer insgesamt dadurch EMV-seitig schlechter wird. Diese Annahme kann rein theoretisch durchaus stimmen.

Igor hat ja in den oben genannten Artikel eindrucksvoll gezeigt, wie sehr eine Grafikkarte den Onboard-Sound stören kann. Nun ist es natürlich so, dass das nicht nur auf das Mainboard beschränkt bleibt, sondern durchaus im kompletten Inneren eines Computers stören kann. Lässt man jetzt die schirmende Komponente an der Seite Weg, kann das natürlich auch außerhalb vom Gehäuse etwas stören

Abbildung 20: Glas- oder Acryl-Seitenwand

 

 

Aber: Die Frequenzbereiche, die laut Vorschriften freizuhalten sind, betreffen auch PC-Komponenten. Das heißt: Die Komponenten die in der EU verkauft werden dürfen, müssen sich alle an die Richtlinien bezüglich der EMV halten. Dementsprechend legt man die Spannungswandler auf Grafikkarten und Mainboards etc. so aus, dass deren Emissionen sich in einem anderen, weniger stark reglementierten Frequenzbereich befinden. Es gibt auch Fälle, da wird bei den Emissionen auf eine Frequenzstreuung gesetzt. Das bedeutet: Man achtet darauf, dass man die Emissionen auf einen größeren Frequenzbereich verteilt, wodurch man die Überschreitung der Grenzwerte ebenfalls vermeiden kann.

Der für Menschen hörbare Frequenzbereich zählt zu den Bereichen der EMV der meines Wissens nach weniger reglementiert ist. Insgesamt wäre es technischer Sicht natürlich auch möglich, dass Mobilfunk, WLAN, DECT direkt neben dem PC an der Glas oder Acrylwand etwas schlechteren Empfang hat. Aber dank der Richtlinien, an die sie diese Komponenten halten müssen, dürfte der Effekt dort nicht zu drastisch sein. Schlimmer kann es bei Komponenten sein, die anfällig sind für die weniger stark reglementierten Frequenzbereiche.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist ein Aktiv-Lautsprecher der brummt oder man ein schönes Spulenfiepen vom Lautsprecher bekommt wenn man ihn direkt neben das Seitenfenster des Computers stellt. Auch Externe Soundkarten, Verstärker und ähnliches könnten da durchaus beeinflusst werden. Die kritischste Komponente ist glücklicherweise normalerweise eh immer geschirmt: Das Netzteil.

Dimmbare RGB-Beleuchtung aus EMV-Sicht

Es gibt eine weitere Modeerscheinung im Gaming-Computerbereich die man aus EMV-Sicht betrachten kann: RGB-Beleuchtung. Es gibt dafür 2 gängige Varianten der Ansteuerung der RGB-LEDs: Pulsweitenmodulation (kurz: PWM) oder Steuerung über einen Bus, auf die ich gleich noch eingehen werde. Eine zusätzliche steuerbare RGB-Beleuchtung verschlechtert die EMV immer. Wenn sich die Frequenz inklusive der Oberwellen außerhalb des hörbaren Bereichs ist und die gesetzlichen Regelungen einhält, sollte man keinem negativen Effekte merken. Das Problem ist hier das „wenn“.

Abbildung 21: Beispiel für eine RGB-Beleuchtung

 

PWM Ansteuerung: Bei der PWM-Ansteuerung wird die Ansteuerspannung (und damit auch der Strom) pulsmäßig gesteuert. Das bedeutet nichts anderes, als dass die LEDs pulsweise mit Spannung versorgt werden. Das Verhältnis zwischen Ein und Aus wird Tastverhältnis genannt. Das kann man sich wie folgt vorstellen:

Abbildung 22: PWM-Beispiel

Hierbei muss man aus EMV-Sicht natürlich aufpassen, dass man sich nicht im hörbaren Bereich bewegt. Auch nicht mit etwaigen Oberwellen. Dies gilt insbesondere falls die Beleuchtung in der Nähe vom Audioteil ist. Ansonsten hat man recht schnell ein schönes Pfeifen auf dem Kopfhörerausgang. Gleichzeitig sollte man natürlich frequenzmäßig auch nicht in den Bereich kommen, der vorschriftsmäßig sauber zu halten ist. Häufig ist die RGB-Beleuchtung ja über die gesamte Leiterplatte oder gar dem kompletten Computer verteilt, was die Sache zusätzlich verkompliziert.

Bus: Hier kommen üblicherweise recht einfach gestrickte Bussysteme zum Einsatz. Die Datentransferrate ist hier natürlich relativ gering. Es werden ja natürlich auch keine größeren Datenmengen verschickt. Der Bus ist aus EMV-Sicht meist relativ leicht zu handhaben, solange die Frequenzen nicht in den hörbaren Bereich kommen. Dennoch: Es kommt eine zusätzliche Störquelle hinzu, die nicht sein müsste.

Zusammenfassung und Fazit

Es wird sicher nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Es wäre aber auch komplett falsch, vor der ganzen Problematik des “Elektro-Smogs” einfach die Augen zu verschließen. Es ist am Ende immer die Summe aller auftretenden Belastungen, die auch das Wohlbefinden und die eigene Gesundheit beeinträchtigen und sogar schädigen können. Es ist beim Umgang mit der Technik wie mit dem geliebt-gehassten Weiß-Zucker. Ein wenig schadet sicherlich nicht, zu viel macht auf Dauer krank.

Es wäre jedem schon geholfen, etwas bewusster mit der Materie umzugehen und genau zu überlegen, was man sich da eigentlich auf oder unter den Tisch stellt. Dann klappts auch mit eine fetten Zigarre zum 100. Geburtstag.